Zwei Nationalitäten in der Familie: Probleme durch bilinguale Erziehung?

Wer seinen Nachwuchs zweisprachig großzieht, tut ihm nach Erkenntnis von US-Forschern nicht nur Gutes an.

Sprachen sind selbst für die Jüngsten kein Kinderspiel, warnte Professor Erika Hoff von der Florida Atlantic Universität auf einer Wissenschaftskonferenz in Vancouver.

Bilinguale Kinder bräuchten länger als Gleichaltrige, um die Muttersprache zu erlernen, fand die Psychologin heraus. Mehrere Studien zeigten, dass diese Kinder in beiden Sprachen einen geringeren Wortschatz haben und sich mit der Grammatik schwerer tun. Das könne sie in Kindergarten und Schule benachteiligen, sagte Hoff. Die Lücke in der Grammatik schließe sich meist bis zum 9. oder 10. Lebensjahr, „das Vokabular holen manche Kinder selbst in dieser Zeit nicht nach.“ Hoff sprach im Rahmen einer Vortragsreihe über die Gründe und Risiken einer verzögerten Sprachentwicklung. Sechs bis acht Prozent aller Kleinkinder bräuchten länger, bis sie zu kommunizieren beginnen, unabhängig von Land und Kultur. [Hier muss man aber auch ergänzen, dass viele Aussiedler oder z.B. Immigranten aus der Türkei bei uns ein ausgezeichnetes Sprachgefühl entwickelt haben, wenn sie zu Hause gefördert wurden… Nicht selten gehören Türken zu den Besten in Deutsch (bei engagiertem Elternhaus).]

Basiswortschatz besorgen…

Sprachwissenschaftler und Psychologen einiger US-Universitäten haben deshalb eine Liste von mehreren Dutzend Wörtern erstellt, die Kinder bei normaler Entwicklung im Alter von zwei bis zweieinhalb Jahren beherrschen sollten. [Natürlich gibt es auch in Deutschland vergleichbare Listen. Man weiß ja auch, welche Wörter ein Schüler bis zur ersten Klasse und bis zum mittleren Bildungsabschluss wissen und schreiben können soll. Fragen sie Ihre (landes-)schulpsychologischen Dienste oder die Schulen. Leider beherrschen vielerorts (gerade ländliche Gegenden) auch Kinder aus einsprachigen, aber mit niedrigem Bildungsstand versehenen Familien diese Wörter in den seltensten Fällen. Was vor 20 Jahren noch eher der Fall war.]

Diese Liste wurde unter Berücksichtigung kultureller Eigenarten inzwischen auf knapp 70 weitere Sprachen übertragen, berichtete eine der Autorinnen, Nan Bernstein Ratner von der Universität Maryland. Das Papier soll Eltern helfen, die linguale Entwicklung ihres Nachwuchses zu beurteilen und gegebenenfalls Hilfe zu suchen. Denn spätes Sprechen kann auch ein Symptom für andere Probleme sein, darunter Hör- und kognitive Störungen oder Autismus. Meistens handelt es sich bei den „Problemkindern“ nur um Spätentwickler, räumt Ratner ein. „Vier Fünftel von ihnen holen ihr anfängliches Sprachdefizit von allein nach.“

Der Idealzustand in der Entwicklung soll so aussehen:
„Der produktive Wortschatz eines 12 Monate alten Kindes beträgt … zwischen 1 und 17 Wörtern; es schwanken nach den Ergebnissen von Papousek (1994) Wortschatz und Wortgebrauch im frühen Kindesalter stark; mit 15 Monaten beträgt das Wortrepertoire zwischen 0 und 45 Wörtern. Nach und nach gewinnt die Sprache für das Kind an Bedeutung, um Wünsche und Bedürfnisse auszudrücken. Zunächst werden Ein-Wort-Sätze gebildet, und ab dem 18. Monat werden Wörter kombiniert, wodurch 2-Wort- Sätze und erste Fragen entstehen. Der Zeitpunkt für die ersten Wortkombinationen korreliert nun offensichtlich weniger mit dem Alter (18- 20 Monate), als vielmehr mit der Höhe des produktiven Wortschatzes, welcher typischerweise zwischen 50 und 100 Wörter beträgt. Desgleichen fällt auch das zunehmende Wortrepertoire an Verben, Adjektiven und Prädikativen in die Zeitspanne der ersten Wortkombinationen. Diese drehen sich in erster Linie um das Ausdrücken folgender Sachverhalte: die Existenz von Personen oder Dingen (z.B. das Verschwinden, Auftauchen oder Erscheinen von interessanten Dingen oder Ereignissen), Wünsche (Verneinungen, Bitten, sich weigern), einfache Ereignisse und Relationen wie Besitz, Ortswechsel oder Änderungen des Befindens, und zu guter Letzt Eigenschaften wie hübsch, heiß usw. Sie gehen zunehmend über in grammatikalisch korrekte Sätze, so dass es ab 20 Monaten zu einem massiven Anstieg der grammatikalischen Entwicklung kommt (Bates et al. 1999). Im Durchschnitt spricht ein Kind mit 20 Monaten 155 Wörter bei einer Standardabweichung von 87 (Suchodoletz 2003). Mit 2 Jahren schließlich kann sich das Kind beim Namen nennen; der aktive Wortschatz beträgt zwischen 20 und 350 Wörtern. Es werden außer Nomen auch Verben und Adjektive sicher benutzt und des weiteren werden erste Fragen gebildet, vorerst mit Hilfe von Satzmelodien, sowie Körperteile benannt. Im weiteren Verlauf verbessert sich die grammatikalische Sprachbildung samt Wortschatz weiterhin rapide. Mit 2,5 Jahren werden Fragewörter und Endigungen für Verben teilweise grammatikalisch korrekt verwendet, Vergangenheitsformen, wenn auch des Öfteren noch fehlerhaft, sind im Gebrauch.
Mit 3 Jahren, schließlich, kann das Kind durchschnittlich 534 Wörter produzieren und benutzt bereits Personalpronomen, Singular und Plural nahezu ohne Fehler. Mit 4 Jahren kann es sich mit anderen unterhalten und Farben korrekt benennen. Letztendlich ist im Alter von 5 Jahren die Sprachentwicklung weitgehend abgeschlossen, die Aussprache ist praktisch fehlerfrei, grammatikalisch kommen lediglich geringe Fehler vor.“ (Klaiber, Ulm 2007)

Informationen zur Zweisprachigkeit in der Ehe/Partnerschaft/Wohngemeinschaft

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