Wie reagieren Kinder in der Befragung nach sexuellem Missbrauch?

Bei Befragungen von Kindern durch juristische und/oder psychologisch-psychiatrische Beauftragte wird immer wieder deutlich, dass sie nicht wissen (wollen und können), was passiert ist. Sie weichen aus, halten es für gegeben, ihre eigenen Deutungen für unwahr und empfinden keine Rache.
Erwachsene üben durch ihre Autorität und psychosoziale Beziehung eine erhebliche suggestive Wirkung auf die betroffenen Kinder aus. Kinder machen erst im Rahmen der Befragung einen kognitiven, motivationalen und emotionalen Lernprozess durch, den sie in ihren Antworten dokumentieren oder im Spiel mit anatomischen Puppen, verstärkt durch emotionale Zuwendungen auf positive Antworten. Erst nach und nach können sie die Opferrolle übernehmen, ihre Aussagen für wahr halten, Rache und Hassgefühle zeigen.
Die meisten Kinder berichten eine entscheidende Veränderung in ihrem Verhalten, als sie in Heimen oder vergleichbaren Institutionen untergebracht wurden. Dort wurden sie aufgrund der extremen Mangelsituation in Sachen Zuwendung für suggestive Beeinflussung besonders empfänglich. Analog hierzu zeigen sie ein verstärktes Bemühen, emotionale Zuwendung und Gunst der befragenden Erwachsenen durch Wohlverhalten im Aussageverhalten zu erhalten, was von den Erwachsenen ausdrücklich unterstützt wurde.
Mit anderen Worten, sie passten sich den Erwachsenenerwartungen wesentlich schneller und intensiver an als andere Kinder. Auffällig war auch der Verlust des Vertrauens der Kinder in eigene, alternative Wahrnehmungen (Psychologie: „kognitive Dissonanz“). „Der Betreuer ist sehr nett, aber er erniedrigt mich und fügt mir Schmerzen zu.“ Dieser Widerspruch ist nicht vereinbar, führt zu Wahrnehmungsspaltungen. Er entsteht durch das Gefühl falsch oder unmoralisch gehandelt zu haben und sucht eine Lösung, z.B. in der massiven Verdrängung.
Mit der Zeit zeigten alle Heimkinder eine mehr oder weniger starke Loslösung von den Eltern, eine Heranbildung eines extremes Negativbildes von den Eltern, Rache- und Hassgefühle, Bindung an den Betreuer. Geborgenheitsgefühle im Heim standen neben der Rolle als aktive Beschuldigende. Extreme Aussagen der Kinder wurden ebenso möglich wie das Schließen von Lücken in den Geschichten der Kinder…

[Quelle: Prof. Dr. Burkhard Schade: Der Zeitraum von der Erstaussage bis zur Hauptverhandlung als psychologischer Prozeß. Folgerungen für die Glaubwürdigkeitsbegutachtung am Beispiel der Wormser Prozesse über sexuellen Kindesmißbrauch Reg.-Nr.: FL 2002 j, 6 Seiten, StV 3/2000, S. 165-170]

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